Editio Domini · MMXXVI

Vagant

Magazin für Mittelalter-Musik, Codex Buranus und Vagantenlieder-Tradition


← Magazin 28. Mai 2026
Codex · Bd. I, No. I

Clm 4660: Die Handschrift hinter dem Mythos Carmina Burana

Datierung um 1230, Entstehung vermutlich in Seckau oder Brixen, 1803 in Benediktbeuern wiederentdeckt: Eine philologische Bestandsaufnahme des Codex Buranus.

Was unter dem populären Etikett „Carmina Burana” firmiert, ist in der mediävistischen Quellenkunde mit größerer Präzision zu benennen: die Handschrift Clm 4660 der Bayerischen Staatsbibliothek München, ergänzt durch die später separat eingeordnete Beilage Clm 4660a. Beide Faszikel gehören kodikologisch zusammen, wurden jedoch im Zuge der Säkularisations-bedingten Bestandsaufnahme zeitweilig getrennt geführt. Sie bilden zusammen jenen Korpus aus rund 254 Liedern und Gedichten, der seit der Editio princeps von Johann Andreas Schmeller (1847) als Codex Buranus bekannt ist – ein Konstrukt-Titel, kein historischer Eigenname.

Datierung und Provenienz: Seckau, Brixen, jedenfalls nicht Benediktbeuern

Die paläographische Analyse setzt die Niederschrift auf etwa 1230 an. Älteren Annahmen, die Sammlung sei im Kloster Benediktbeuern entstanden, hat die Forschung seit Bernhard Bischoffs Untersuchungen für die Bärenreiter-Faksimile-Edition (1967) eine klare Absage erteilt. Bischoffs Schriftvergleich verortet die Hände im südostbairisch-österreichischen Sprachraum. In der Diskussion stehen seither vor allem zwei Skriptorien: das Augustiner-Chorherrenstift Seckau in der Steiermark und der Bischofssitz Brixen in Südtirol. Beide Hypothesen stützen sich auf dialektale Merkmale der mittelhochdeutschen Glossen sowie auf liturgische Querverweise in den geistlichen Spielen am Schluss. Eine abschließende Lokalisierung ist bis heute nicht gelungen, doch Benediktbeuern fungiert nach gegenwärtigem Forschungsstand allenfalls als spätere Aufbewahrungs-, nicht als Entstehungsstätte.

1803: Aretin und die Säkularisation

Die Wiederentdeckung der Handschrift fällt in das Jahr 1803, als infolge des Reichsdeputationshauptschlusses die bayerischen Klosterbibliotheken aufgelöst und nach München überführt wurden. Johann Christoph Freiherr von Aretin, Bibliothekar an der Münchener Hofbibliothek, war mit der systematischen Sichtung dieser Bestände betraut. In Benediktbeuern stieß er auf den unscheinbaren Pergamentcodex, dessen profaner Inhalt ihn sichtlich überraschte. Aretin erkannte den literarischen Rang und sorgte für die Eingliederung in die Münchner Sammlung, wo die Handschrift seither als „Codex latinus monacensis” 4660 geführt wird. Die Bezeichnung „Carmina Burana” – Lieder aus Beuern – prägte erst Schmeller in der Edition von 1847 und zementierte damit jenen Provenienz-Irrtum, den die paläographische Forschung später korrigieren musste.

Vier Gruppen, drei Sprachen

Die Anordnung der Stücke folgt einer thematischen Gliederung, die in der Schmeller-Nummerierung bis heute Standard ist. Die Carmina moralia (Nummern 1–55) versammeln Moral- und Satiren-Lieder mit häufig kirchen- und kurienkritischer Stoßrichtung. Es folgen die Carmina amatoria (56–186), der umfangreichste Block, der die Liebes-Lyrik enthält und in dem auch die mittelhochdeutschen Glossen am dichtesten auftreten. Die Carmina lusorum et potatorum (187–226) umfassen Spiel- und Trinklieder, darunter die berühmte Würfelsatire „In taberna quando sumus”. Den Abschluss bilden die Carmina divina (227–228), zwei geistliche Spiele in Versform.

Sprachlich dominiert das Mittellatein mit einem Anteil von rund 80 Prozent. Mittelhochdeutsche Glossen treten vor allem im Liebes-Lieder-Teil als Refrains oder Strophen-Anhänge auf und stehen in enger Verbindung zur Minnesang-Tradition. Einige wenige altfranzösische Stücke verweisen auf den transregionalen Umlauf der Vagantendichtung im 12. und frühen 13. Jahrhundert.

Die adiastematischen Neumen

Musikwissenschaftlich von größtem Interesse ist die Notation. Etwa 47 der überlieferten Gesänge tragen über dem Text adiastematische Neumen – also Notationszeichen ohne Bezug zu einem Notenlinien-System. Diese Linien-lose Neumen-Schrift gibt die melodische Kontur an, signalisiert Auf- und Abbewegungen, lässt aber präzise Intervall-Bestimmungen nicht zu. Eine vollständig rekonstruierbare Melodik existiert für die Buranus-Gesänge daher nicht; jede Aufführungs-Praxis muss Lücken durch Vergleich mit konkordant überlieferten Melodien aus anderen Quellen schließen. Diese editorische und musikpraktische Restriktion prägt die Diskussion bis heute und ist Gegenstand fortlaufender Forschungsbemühungen.

Zugänglichkeit und Editionslage

Die kritische Textausgabe von Alfons Hilka, Otto Schumann und Bernhard Bischoff (Carmina Burana Band 1 bis 3, 1930 bis 1970, posthum vollendet) bleibt referenztiefer Standard. Daneben steht die Bärenreiter-Faksimile-Edition Bischoffs von 1967, die der visuellen Quellenarbeit eine zuverlässige Grundlage bietet. Seit der vollständigen Digitalisierung des Clm 4660 durch die Bayerische Staatsbibliothek ist der Codex zudem ortsunabhängig konsultierbar – ein Schritt, der die Buranus-Forschung in den vergangenen Jahren spürbar belebt hat.


Ressort: Codex