RESSORTS.
Acht Felder, in denen wir kontinuierlich publizieren — vom Clm-4660-Manuskript bis zur modernen Aufführungs-Praxis.
- I
Codex
Das Mutterressort. Der Codex Buranus als Handschrift Clm 4660 (mit Beilage Clm 4660a) der Bayerischen Staatsbibliothek München, datiert um 1230. Diskussion zur Entstehung im Raum Seckau in der Steiermark oder Brixen in Südtirol, 1803 bei der Säkularisation im Kloster Benediktbeuern wiederentdeckt durch Johann Christoph Freiherr von Aretin (Bibliothekar in München). 254 Lieder und Gedichte in vier Hauptteilen: Carmina moralia (Moral- und Satiren-Lieder, Nr. 1–55), Carmina amatoria (Liebes-Lieder, Nr. 56–186), Carmina lusorum et potatorum (Spiel- und Trinklieder, Nr. 187–226), Carmina divina (Geistliche Spiele, Nr. 227–228). Latein dominant mit etwa 80%, mittelhochdeutsche Glossen vor allem im Liebes-Lieder-Teil. Adiastematische Neumen-Annotation auf etwa 47 Gesängen ohne präzise Intervall-Angabe. Vollständige Digitalisierung über die BSB München.
→ - II
Orff
Carl-Orff-Rezeption-Disziplin. Carl Orff (1895–1982) komponierte *Carmina Burana — Cantiones profanae cantoribus et choris cantandae* in den Jahren 1935/36. Uraufführung am 8. Juni 1937 an der Oper Frankfurt am Main unter Bertil Wetzelsberger. 25 Sätze aus 24 Buranus-Texten, davon der berühmte „O Fortuna"-Chor als Auftakt-und-Schluss-Klammer. Schott-Verlag Mainz mit der ersten Drucklegung 1937. NS-Zeit-Rezeptions-Diskussion: Orff in zwielichtiger Nähe zum NS-Regime, jedoch nie Partei-Mitglied; *Carmina Burana* mit nicht-arischer Aufführungs-Praxis hinsichtlich der jüdischen Akteure schwierig vermarktet. Nach 1945 zur globalen Standard-Chor-Werk-Stellung aufgestiegen. Schott-Urheberrechte laufen nach Orffs Tod am 29. März 1982 erst 2052 aus.
→ - III
Vaganten
Vagantendichtungs-Disziplin. Die mittellateinische Vaganten- bzw. Goliarden-Dichtung des 12. Jahrhunderts als Quelle des Codex Buranus. Walter von Châtillon (etwa 1135–1190) als der prominente Magister mit Studium in Paris und Reims, Hugo Primas von Orléans (etwa 1093–1160) als der frühe Vertreter, Archipoeta (etwa 1130–1167) als der anonyme „Erzdichter" in der Nähe des Kölner Erzkanzlers Reinald von Dassel mit der berühmten „Vagantenbeichte" („Estuans intrinsecus", auch im Codex Buranus enthalten als CB 191). Wandernde Scholaren als die Schreiber-Gruppe mit Universitäts-Bezug (Paris, Bologna, Salerno als die ersten Universitäten des Hochmittelalters). Latein-Dichtung im Spannungs-Feld Kirche, Universität, Mendikanten-Orden und Hof.
→ - IV
Latein
Mittellatein-Disziplin. Mittellatein als die Verkehrs-Sprache des europäischen Hoch- und Spät-Mittelalters mit ihrer Spannweite zwischen klassischem Cicero-Latein-Bezug und scholastischer Fachsprache. Buranus-Sprach-Analyse mit der typischen Mischung aus klassischer Form und vulgärer Wortwahl (etwa Trinklied „In taberna quando sumus" CB 196 mit Schlag-Wort-Kombinationen). Mittellateinische Wörterbücher: Mittellateinisches Wörterbuch (MlWb, München, seit 1959 als das deutsche Standard-Wörterbuch im Erscheinen), Du Cange Glossarium mediae et infimae latinitatis (1678, mehrere Erweiterungen). Mittelhochdeutsche Glossen in den Liebes-Liedern des Codex Buranus als wertvolle Sprach-Brücke. Latein-Studium-Tradition in DACH-Universitäten (Heidelberg, München, Wien, Tübingen) als Vermittlungs-Linie.
→ - V
Mittelalter
Mittelalter-Musik-Disziplin allgemein. Frühe Notations-Welt mit adiastematischen Neumen (vor etwa 1000) als der nicht-präzisen Form, diastematischen Neumen (ab etwa 1000) mit Linien-Bezug, Quadratnotation (ab etwa 1200) als der Vereinfachungs-Form, Hufnagel-Notation als der deutschen Variante. Gregorianik (Cantus Romanus) als die kirchen-zentrale Linie mit dem Antiphonale Romanum, Liber Usualis. Troubadour- und Trouvère-Tradition in Südfrankreich und Nordfrankreich (Bernart de Ventadorn, Guillaume IX. d’Aquitaine, Chrétien de Troyes als Vertreter), Minnesang in DACH (Walther von der Vogelweide, Hartmann von Aue, Heinrich von Morungen). Ars antiqua (Notre-Dame-Schule mit Léonin und Pérotin, etwa 1170–1310), Ars nova (Philippe de Vitry, Guillaume de Machaut, ab 1322).
→ - VI
Aufführung
Mittelalter-Aufführungs-Praxis-Disziplin. Pioniere seit den 1950er-Jahren mit Thomas Binkley und Sterling Jones im Studio der frühen Musik (München, 1960er–1980er) mit der frühen Carmina-Burana-Aufnahme bei EMI 1964. Sequentia (Benjamin Bagby und Barbara Thornton, Köln seit 1977) mit der Hildegard-von-Bingen-Linie und der Beowulf-Performance. Ensemble Organum (Marcel Pérès, Frankreich seit 1982) mit der gregorianischen Tradition. Capilla Flamenca (Belgien), Hilliard Ensemble (UK) als die weiteren Markt-Spitzen. Adiastematik-Problem als die zentrale Aufführungs-Frage: wie rekonstruiert man melodische Linie ohne Notenlinien-Bezug? Drei Schulen: Quellen-Treue mit konservativer Rekonstruktion (Sequentia), kreative Re-Imagination (Studio der frühen Musik), strenge Gregorianik-Anlehnung (Ensemble Organum).
→ - VII
Editionen
Edition-Disziplin. Standard-Buranus-Edition Hilka-Schumann-Bischoff (Verlag Carl Winter Heidelberg, drei Bände 1930, 1941, 1970), die maßgebliche kritische Ausgabe mit Texten und Glossar. Bärenreiter-Faksimile-Edition (Bernhard Bischoff, 1967) mit photographischer Wiedergabe der Handschrift. Carl Orff *Carmina Burana* bei Schott Mainz (Erstdruck 1937), bis heute die maßgebliche Aufführungs-Partitur. Carl-Orff-Gesamtausgabe bei Schott. Reclam-Universal-Bibliothek mit den deutschen Übersetzungen der wichtigsten Buranus-Lieder (Carl Fischer-Übertragung). Bayerische Staatsbibliothek mit der vollständigen Digitalisierung als Open-Access-Quelle. Editionen mittelalterlicher Musik allgemein bei Bärenreiter, Schott, Henle, Edizione Suvini Zerboni.
→ - VIII
Forschung
Musikwissenschafts-/Mediävistik-Disziplin. Quellen-Lehre der mittelalterlichen Musik mit den drei Quellen-Klassen: Handschriften-Notation, theoretische Traktate (Boethius *De institutione musica*, Guido von Arezzo *Micrologus*), Bilder-Quellen (Miniatur-Buchmalerei, Wand- und Glas-Malerei). DACH-Mediävistik-Institute mit Schwerpunkten an der LMU München, Universität Würzburg (Mediävistische Werkstatt), Universität Wien, Mozarteum Salzburg. Internationale Pendants: Cambridge Centre for the Study of Medieval Studies, École des Chartes Paris, MGH (Monumenta Germaniae Historica) als die deutsche Quellen-Forschungs-Tradition. Forschungs-Journale: Musikforschung, Acta Musicologica, Early Music Journal, Plainsong and Medieval Music. RISM (Répertoire International des Sources Musicales) als Quellen-Katalog-Verbund seit 1952.
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