Editio Domini · MMXXVI

Vagant

Magazin für Mittelalter-Musik, Codex Buranus und Vagantenlieder-Tradition


← Magazin 31. Mai 2026
Aufführung · Bd. I, No. I

Adiastematik als Aufgabe: Studio der frühen Musik, Sequentia, Ensemble Organum

Wie drei Ensembles seit den 1960er-Jahren die Aufführungs-Praxis des Codex Buranus und der angrenzenden Repertoires methodisch geformt haben.

Die historische Aufführungs-Praxis des mittelalterlichen Repertoires hat sich seit den 1950er-Jahren als eigenständige musik-historische Disziplin konstituiert. Mit dem Codex Buranus verbindet sich dabei eine besondere Schwierigkeit, die jede praktische Annäherung zur methodischen Reflexion zwingt: die adiastematische Notation der etwa 47 mit Neumen versehenen Gesänge gibt die melodische Kontur an, lässt aber keine präzisen Intervall-Bestimmungen zu. Wer einen Buranus-Gesang singen will, muss entscheiden, welche Tonschritte er der Linien-losen Bewegung unterlegt – und diese Entscheidung in einer der drei methodischen Schulen verorten, die die Disziplin seit den 1960er-Jahren ausgebildet hat.

Studio der frühen Musik: Binkley als Pionier

Das Studio der frühen Musik, gegründet 1960 in München, geleitet von Thomas Binkley und mit Sterling Jones als zentralem Instrumentalisten besetzt, hat die Buranus-Rezeption in der Aufführungs-Praxis methodisch eröffnet. Die EMI-Aufnahme der Carmina Burana von 1964 (Reflexe-Reihe) gilt bis heute als Wasserscheide-Dokument: Sie verband die textkritische Edition Hilka-Schumann mit einer instrumental ausgestalteten, an arabisch-andalusischen und sephardischen Traditionen orientierten Klangwelt. Binkleys Argumentation – dass die mittelalterliche Musikkultur des südeuropäischen und süddeutschen Raums in ständigem Kontakt mit mediterranen Musikpraktiken stand – war methodisch riskant, aber wirkungsmächtig. Sie hat das Klangbild dessen, was in den späten 1960er-Jahren als „Mittelalter-Musik” hörbar wurde, nachhaltig geprägt.

Die spätere Forschung hat die orientalisierende Linie Binkleys partiell zurückgenommen. Die jüngere Quellenarbeit zur Cantus-Tradition zeigt, dass die Neumen des Buranus in einer engeren Beziehung zum westeuropäischen Choralrepertoire stehen, als Binkley annahm. Sein Verdienst bleibt gleichwohl unangefochten: Er hat die Frage nach der Klangrealität historisch ernsthaft gestellt und die Disziplin in eine produktive Diskussion gezwungen.

Sequentia: die Kölner Schule und die Konkordanz-Methode

Sequentia, 1977 in Köln von Benjamin Bagby und Barbara Thornton gegründet (Thornton verstarb 1998, das Ensemble besteht unter Bagbys Leitung fort), hat die Aufführungs-Praxis methodisch weiterentwickelt. Bekannt geworden ist Sequentia vor allem durch das mehrjährige Hildegard-von-Bingen-Projekt, das die Symphonia armonie celestium revelationum und das Ordo virtutum aufnahm und damit den Hildegard-Renaissance der 1990er-Jahre wesentlich mitbegründete. Für die Buranus-Forschung relevant ist Sequentias methodischer Beitrag zur Konkordanz-Arbeit: Da viele Buranus-Texte in anderen Handschriften mit diastematischer, also linienbezogener Notation überliefert sind, lassen sich melodische Linien durch sorgfältigen Vergleich rekonstruieren. Sequentia hat diese Methodik – verbunden mit einer dezidierten Stimm-Ausbildung an mediävistischen Klang-Idealen – exemplarisch durchgeführt.

Sequentias Programm-Konzeption argumentiert dabei strenger quellenkritisch als das Studio der frühen Musik: weniger Instrumental-Begleitung, mehr Vokal-Solo-Linien, eine an der hochmittelalterlichen Liturgie orientierte Stimmgebung. Dieser methodische Schritt hat die Aufführungs-Praxis seit den späten 1980er-Jahren entscheidend professionalisiert.

Ensemble Organum: die gregorianische Linie

Ensemble Organum, 1982 von Marcel Pérès in Frankreich gegründet und am Centre Européen pour la Recherche sur l’Interprétation des Musiques Médiévales (CERIMM) in Royaumont angesiedelt, hat eine dritte methodische Linie etabliert. Pérès geht von der gregorianischen Choral-Tradition aus und untersucht ihre regionalen Varianten – die altrömische, die mailändisch-ambrosianische, die mozarabische und die korsisch-byzantinische Praxis. Sein Argument lautet, dass die hochmittelalterlichen Notations-Systeme eine performative Kultur dokumentieren, die in den lebendigen Traditionen orthodoxer und mediterraner Liturgien partiell überlebt hat. Diese Annahme ist umstritten; sie hat Ensemble Organum jedoch zu einer klanglich unverwechselbaren, an obertonreichen Gesangstechniken orientierten Aufführungs-Praxis geführt, die das Verständnis der Adiastematik um eine Ornamentik-Dimension erweitert hat.

Die Adiastematik-Frage heute

Die methodische Diskussion ist nicht entschieden. Aktuelle Aufnahmen – etwa die Buranus-Projekte der ensembles Per-Sonat, Dialogos und Discantus – arbeiten mit hybriden Strategien: Konkordanz-Rekonstruktion (Sequentia), erweiterte Ornamentik (Organum) und kontextuelle Instrumentation (Studio der frühen Musik) werden je nach Gesang neu kombiniert. Die Disziplin hat damit ihre methodische Schärfe gewonnen und ihren rekonstruktiven Anspruch zugleich relativiert: Eine „authentische” Aufführung der Buranus-Lieder kann es nach dem gegenwärtigen Forschungsstand nicht geben; eine quellenkritisch verantwortete kann es sehr wohl.

Für die musikwissenschaftliche Publikation ergibt sich daraus ein klares Programm. Jede Auseinandersetzung mit dem Codex Buranus muss die drei methodischen Schulen kennen, ihre historischen Voraussetzungen einordnen und die jeweils gewählte Rekonstruktions-Strategie offenlegen. Die Adiastematik der Neumen ist dabei nicht ein Mangel, der durch interpretatorische Phantasie zu überspielen wäre, sondern eine Quellenlage, die zur Auseinandersetzung nötigt – und gerade darin das Repertoire offen hält.


Ressort: Aufführung