Vagant — aus Benediktbeuern bis heute.
Vagant ist ein deutschsprachiges Magazin für Mittelalter-Musik, Codex Buranus und Vagantenlieder-Tradition im DACH-Raum. Wir schreiben für Musikwissenschafts-Studierende und -Lehrkräfte an der LMU München, der Universität Würzburg, dem Mozarteum Salzburg und der Wiener Musik-Universität, für Latein-Lehrkräfte und -Studierende, für Mediävist:innen mit Schwerpunkt auf mittelalterlichen Quellen, für Kirchen- und Chormusik-Praktiker:innen mit Mittelalter- Programm, für Ensemble-Mitglieder, für Bibliothekar:innen mit Handschriften-Schwerpunkt und für Konzert-Besucher:innen mit Carmina-Burana-Bezug. Acht Ressorts, eine konsequente Haltung: Der Codex Buranus ist präzise quellen-überlieferte Manuskript-Disziplin mit eigener Notations- Architektur und gewachsener Vagantendichtungs-Tradition — keine Esoterik-Bühne und keine Reenactment-Folklore-Plattform.
Acht Ressorts — Codex, Orff, Vaganten, Latein, Mittelalter, Aufführung, Editionen, Forschung — bilden das Gerüst, in dem wir kontinuierlich publizieren. Nicht jede Ausgabe füllt alle acht Felder. Manchmal verdichten sich drei Texte um eine einzelne kritische Edition, manchmal hängt ein ganzer Band an einer Ensemble-Praxis-Reflexion. Die aktuelle Mai-2026-Ausgabe markiert den Eröffnungsband, mit Schwerpunkt auf einer Frühjahrs-Konzert-Saison-Bilanz und einem Stand der Codex-Buranus- Forschungs-Linie als programmatischem Auftakt.
Was uns inhaltlich interessiert, ist die Spannung zwischen Quellen-Treue und Aufführungs- Realität. Der Codex Buranus (Handschrift Clm 4660 mit Beilage Clm 4660a der Bayerischen Staatsbibliothek München, datiert um 1230) enthält 254 Lieder und Gedichte in vier Hauptteilen: Carmina moralia (Moral- und Satiren-Lieder, Nr. 1–55), Carmina amatoria (Liebes-Lieder, Nr. 56–186), Carmina lusorum et potatorum (Spiel- und Trinklieder, Nr. 187–226), Carmina divina (Geistliche Spiele, Nr. 227–228). Sprachlich ist Latein dominant (etwa 80%), mit mittelhoch- deutschen Glossen vor allem im Liebes-Lieder-Teil. Etwa 47 Gesänge tragen adiastematische Neumen-Annotation ohne präzise Intervall-Angabe, was die Aufführungs-Praxis bis heute auf Rekonstruktions-Hypothesen verweist. 1803 wurde die Handschrift bei der Säkularisation des Klosters Benediktbeuern in Bayern wiederentdeckt durch Johann Christoph Freiherr von Aretin, Bibliothekar in München. Die Entstehung wird heute meist im Raum Seckau in der Steiermark oder Brixen in Südtirol vermutet. Carl Orff vertonte 24 Buranus-Texte in 25 Sätzen 1935/36 als Carmina Burana — Cantiones profanae cantoribus et choris cantandae, Uraufführung 8. Juni 1937 an der Oper Frankfurt am Main, Schott-Verlag. Wir behandeln den Codex Buranus als das, was er ist: präzise quellen-überlieferte Manuskript-Disziplin mit eigener Tradition und gewachsener europäischer Mediävistik-Linie.
Geschrieben ist Vagant für Musikwissenschafts-Studierende, die ihre Buranus-Hausarbeit mit der Bischoff-Hilka-Edition belastbar fundieren wollen; für Latein-Lehrkräfte, die mittellateinische Lyrik in die Oberstufe einbringen; für Kirchen- und Chormusik-Praktiker:innen, deren Programm zwischen Aufführungs-Realität und Quellen-Treue balanciert; für Mediävist:innen, deren Forschung zwischen MGH-Quellen-Tradition und neuerer Manuskript-Forschung pendelt; und für Konzert-Besucher:innen, die belastbare Hintergrund-Recherche zum nächsten Carmina-Burana-Aufführungs-Abend suchen.
Gastbeiträge
Vagant nimmt Gastbeiträge an. Wer einen Text aus der Mittelalter-Musik-/Codex-Buranus-Praxis geschrieben hat — Manuskript-Forschungs-Bericht, Orff-Rezeptions-Studie, Vaganten-Dichtungs- Analyse, Latein-Sprach-Anmerkung, Aufführungs-Praxis-Reflexion, Editions-Vergleich, Neumen- Lese-Notiz, RISM-Quellen-Recherche — und ihn bei uns sehen möchte, schickt eine Schreibprobe an [email protected]. Wir antworten in der Regel innerhalb einer Woche. Kürze ist kein Nachteil, eine konkrete Folio- Angabe zur Handschrift Clm 4660 sagt mehr als drei Absätze Prosa, und wer mit konkretem Carmina-Burana-Nr.-Verweis statt mit „im Codex" arbeitet, hat schon gewonnen.
Eine gute Buranus-Reflexion ist die, in der am Ende klar ist, welche Lieder-Nummer mit welcher Notations-Lese auf welche Aufführungs-Rekonstruktion traf und welche Quellen-Edition die Argumentation trug. Wir nehmen die Disziplin ernst.